Intersektionalität und Diskriminierung

Intersektionalität ist die Wechselwirkung und Überlagerung mehrerer Formen von Diskriminierung bei einer Person.

Der Begriff geht zurück auf den Aufsatz “Demarginalizing the Intersection of Race and Sex“ von Kimberlé Crenshaw aus dem Jahr 1989.

Emilia Roig erläutert in einem Beitrag im Deutschlandfunk Intersektionalität.


Die Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Menschen haben eine soziale Bedeutung. Einige Unterschiede, die

Diversitätsdimensionen, sind gesellschaftlich hierarchisch strukturiert. Hautfarbe, sexuelle Orientierung, soziale Klasse, Behinderung und Alter zum Beispiel.
Hierarchisierung ist eine Verteilung von Macht. Intersektionalität analysiert diese Hierarchisierung, die Wechselbeziehungen hierarchisierter Aspekte untereinander und will deren Bedeutung verstehen. Zentrale Themen sind damit Unterdrückung, Macht und Befähigung. Mangelende Diversität, Exklusion, Diskriminierung, Marginalisierung und Ungleichheit sind Konsequenzen von Unterdrückung.
Um Intersektionalität zu verstehen, müssen wir uns also mit Unterdrückung beschäftigen.


Was ist Unterdrückung?

Fundamental für Unterdrückung ist die Beziehung zwischen Differenz und Hierarchie. Wenn Differenzen (also Unterschiede/die Diversitätsdimensionen) in eine hierarchische Struktur eingebettet sind, dann reicht es im Diversity Management nicht, sie gleichwertig auf eine Stufe zu stellen. Wir müssen uns an deren Hierarchisierung abarbeiten. Diese ist Teil unserer Kulturgeschichte, unserer Sozialisation und damit internalisiert. Diskriminierende Narrative werden in vielen gesellschaftlichen Bereichen reproduziert. Unterdrückung findet damit auch unbewusst und unbeabsichtigt statt.
Beispiele, die uns Emilia Roig gibt:

  • Dünne Körper stehen hierarchisch über dicken Körpern. Dicke Körper werden oft noch immer mit fehlender Willenskraft oder Faulheit in Verbindung gebracht.
  • Die Hierarchisierung weißer Haut über brauner und schwarzer Hautfarbe und der Zuschreibung von Attributen. Augen- und Haarfarbe werden hingegen (gegewärtig) nicht mit Unterdrückung belegt.
  • Geschlecht: Es gibt eine Hierarchie zwischen Männlichkeit und Eigenschaften, die dem Männlichen zugeschrieben werden sowie Weiblichkeit und den Eigenschaften, die dem Weiblichen zugeschrieben werden. Mädchen, die kurze Haare haben wollen, blau tragen und auf Bäume klettern erfahren meist Zuspruch und Bestärkung. Jungs, die Lust auf Röcke, Nagellack und Ballett haben meist Widerspruch und Ausschluss. Geschlecht wird in der Regel noch binär und heteronormativ verstanden.

Welche Differenzen sind in eine Hierarchie eingebettet und welche nicht?

Wir alle sind unterschiedlich. Keinen Menschen gibt es doppelt. Dennoch ist eine Gruppe weißer Männer nicht divers. Sie unterscheiden sich beispielsweise in Schuhgröße, Lieblings- oder Augenfarbe. Diese Unterschiede sind allerdings nicht hierarchisch strukturiert. Diese Differenzen sind für Diskriminierung und Ungleichheit irrelevant.
Welche Differenzen sind also → in eine Hierarchie eingebettet → und damit mit Unterdrückung verbunden → und haben damit Diskriminierung zur Konsequenz?
Identitätsmerkmale (in der Charta der Vielfalt werden diese als Diversitätsdimensionen bezeichnet). Die Hierarchisierung dieser Differenzen sind historische, soziale, politische Konstrukte. Diese konstruierte Dimensionen der Differenzen schaffen brutale, gewaltvolle Lebensrealitäten.
Beispiele, die uns Emilia Roig gibt:
Die Annahme Persönlichkeitseigenschaften seien angeboren und natürlich:

  • Männer sind rational, Frauen irrational → Männer gehören in Politik und Wirtschaft, Frauen an Herd und Heim.
  • Schwarze Menschen sind körperlich stärker sowie weniger intelligenter als weiße Menschen → sie gehören in Feld- und Landarbeit.
  • Rationalisierung der Überlegenheit weißer Menschen gegenüber Schwarzen Menschen durch wissenschaftlichen Rassismus → weiße Vorherrschaft funktioniert(e) systematisch
  • Ein binäres Verständnis von Geschlecht sowie die Zuschreibung vermeintlich typisch männlicher sowie vermeintlich typisch weiblicher Eigenschaften macht die Reproduktion eines patriarchalen Systems möglich.
  • Soziale Klasse und Habitus → “Stallgeruch”
  • Behinderung: Es gibt unterschiedliche Körperlichkeiten. Es gibt unterschiedliche Fähigkeiten. Die soziale, historische und politische Dimension von Behinderung sind ein Konstrukt. Die Kategorisierung von z. Bsp. Fähigkeit und Unfähigkeit sowie Leistung hat Ausschlüsse zur Folge. “Behinderung basiert auf zwei Normen, die weder neutral sind noch objektiv. [...] Diese zwei Normen sind die Norm ‘gesund’ und die Norm ‘fähig’. Und die Norm ‘gesund’ ist nicht nur neutral und medizinisch und lässt sich messen.” (00:21:10) Beispiele: das nationalsozialistische Verständnis von Gesundheit im Dritten Reich, die langjährige Kategorisierung von Homosexualität und Transgeschlechtlichkeit als krank. Die Kategorisierung von Menschen als krank legitimiert Ausschluss und Diskriminierung. Fähigkeit: “Fähig zu sein in unserer Gesellschaft heißt zur Akkumulation von Kapital körperlich und geistig beizutragen.” (00:22:50)


Wie werden Hierarchien aufrechterhalten?

Hierarchien werden aufrechterhalten durch Diskriminierung. Diskriminierung ist damit Konsequenz und Mittel. Diskriminierung hat also mehr als die individuelle Ebene. Emilia Roig nennt drei weitere.
Führen wir sie übersichtlich auf:

  • Individuelle Diskriminierung
    • das Individuum, das Diskriminierung tätigt sowie das Individuum, das Diskriminierung erfährt; Opfer-Täter-Dynamik; Verhalten; Interaktion
    • Gegenmaßnahmen bspw.: Codes of Conduct, rechtliche Mittel/Ahndung und Bestrafung
  • Strukturelle Diskriminierung
    • Über- oder Unterrepräsentation von unterschiedlichen Gruppen von Menschen (Angehörigen mind. einer Diversitätsdimension) in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen, vorrangig Sphären der Macht (bspw. Vorständinnen in DAX-Unternehmen)
    • Gegenmaßnahmen bspw.: Quoten; Änderung von Strukturbedingungen (Kinderbetreuung, Gleitzeit, Karrenztage …)
  • Institutionelle Diskriminierung
    • Summe von Gesetzen, Regelungen, sozialer Ordnungsleistung → von Institutionen in unserer Gesellschaft, die zu Diskriminierung beitragen. Bspw. Asyl- und Migrationsgesetze, Familien- und Sozialpolitik, Strukturiertheit des Bildungssystems und Bewertung von schulischer oder universitärer Leistung.
  • Historische Diskriminierung
    • Die Nachlässe vergangener Systeme, Theorien und Ereignisse, die gegenwärtige Standpunkte, Verständnisse und Prozesse auch zu dem machen, was sie sind. So bedingt die koloniale Vergangenheit auch heute noch die Armut vieler Länder des afrikanischen Kontinents. Diskriminierung kann also nur verstanden werden, wenn die Faktoren der verschiedenen Ebenen mit einbezogen werden.

Vorherrschende Narrative unserer Gesellschaft sind eng verknüpft mit Leistung. Macht, Erfolg und Reichtum werden zurückgeführt auf Fleiß und Fähigkeit (also auf die individuelle Ebene). Die Kehrseite ist die persönliche Schuldzuweisung gegenüber all jenen Personen, die genau das nicht sind. Wenn wir die weiteren Ebenen mit einbeziehen (historisch, institutionell, strukturell) erhalten wir eine andere Erzählung. Dann hat der persönliche Erfolg nicht unerheblich etwas zu tun mit Privilegien.

Intersektionalität

Ist nicht die Betrachtung aller Unterschiede von Menschen innerhalb einer Gemeinschaft oder Gesellschaft. Intersektionalität fokussiert sich nicht auf Individuen, die viele Diversitätsdimensionen in sich vereinen.
Es geht um die Frage, wie wir diskriminierten Menschen Zugang zu Ressourcen, Rechten, politischer Teilhabe gewährleisten; wie wir Stereotypisierung abbauen und vermeiden; Sicherheit und Repräsentation gewährleisten. Es geht darum, Diskriminierung in den unterschiedlichen Dimensionen abzubauen. Damit geht es allen Menschen dieser Diversitätsdimensionen sowie deren unterschiedlichen Wechselwirkungen besser. Wir bewegen etwas auf der systemischen Ebene.


Zusammenfassend kann gesagt werden, dass …

  • … Menschen unterschiedlichen Diversitätsdimensionen (diese beschreiben Differenzen) angehören.
  • … diese zusammenwirken und sich gegenseitig bedingen.
  • … Differenz hierarchisiert wurde und wird.
  • … Differenz damit zu Unterdrückung führt.
  • … diese hierarchisierte Differenz also Diskriminierung, Exklusion und Ausschluss zur Folge hat.

Emilia Roig ist Politikwissenschaftlerin, Autorin und Beraterin für Intersektionalität, Diversity, Equity und Inclusion. Sie ist Gründerin des Center for Intersectional Justice und Autorin des Bestsellers “Why We Matter - Das Ende der Unterdrückung”.

Quelle: Bust-Bartels, Nina: Das Konzept der Intersektionalität - Politikwissenschaftlerin Emilia Roig, Deutschlandfunk Nova, 02.06.2022