Die Super-Datensammler
Wie Similarweb das Surfverhalten der ganzen Welt mitschneidet.
Ein israelisches Startup gibt Besucherzahlen für hundert Millionen Websites aus, ohne auf einer einzigen davon einen Zähler zu betreiben. Das ist keine Zauberei und kein Skandal, sondern eine sehr geschickt gebaute Maschine. Dieser Report nimmt sie auseinander: welche vier Quellen hineinlaufen, wie aus drei Millionen Browsern eine Aussage über hundert Millionen Websites wird, woher das Panel kommt, wer die Firma gebaut hat und wie genau das Ergebnis am Ende ist.
Woher weiß jemand, wie viele Besucher eine fremde Website hat?
In jedem zweiten Pitch-Deck steht eine Similarweb-Zahl. Wettbewerbsanalysen, Due Diligence, Media-Planung, Hedgefonds-Modelle: irgendwo darin sitzt ein Balken mit monatlichen Besuchen einer Website, auf die der Autor keinerlei Zugriff hat. Und das funktioniert erstaunlich gut.
Die Frage dahinter ist eine schöne technische Frage, und sie hat eine saubere Antwort. Die Zahl ist keine Messung, sie ist eine Hochrechnung. Genau wie eine Wahlprognose: eine Stichprobe wird beobachtet, entzerrt, an bekannten Wahrheiten geeicht und dann auf die Grundgesamtheit gestreckt.
Wer eine Wahlprognose versteht, versteht Similarweb. Es sind dieselben vier Arbeitsschritte, dieselben Fehlerquellen, dieselbe Sorte Vorsicht beim Lesen des Ergebnisses. Der einzige Unterschied ist die Stichprobe: statt tausend Angerufener sind es Millionen Browser.
Dieser Report geht die Maschine von vorne durch. Erst die vier Zuflüsse, so wie das Unternehmen sie selbst beschreibt. Dann der Rechenweg. Dann die Herkunft des Panels, die eine eigene und ziemlich interessante Geschichte hat. Danach die Firma, die Zahlen und die Genauigkeit.
Vorweg der Maßstab: Similarweb ist in dieser Branche kein Sonderfall, sondern das am besten dokumentierte Beispiel. Was hier steht, gilt in Grundzügen für jeden Anbieter von Marktdaten aus Verhaltensmessung.
Was hineinläuft, und wofür jede Quelle gut ist
Die mittlere Spalte der folgenden Tabelle ist keine Zusammenfassung, sondern die Übersetzung der Formulierung von der Herstellerseite Our Data. Die rechte Spalte erklärt die Rolle im Rechenweg. Wichtig ist, dass die vier Quellen nicht dasselbe tun: eine liefert Wahrheit, eine liefert Verhalten, eine liefert Struktur, eine füllt Lücken.
Reihenfolge wie auf der Herstellerseite. Wie stark jede Quelle in eine einzelne Zahl eingeht, ist nicht veröffentlicht.
| Quelle | Eigene Beschreibung | Rolle im Rechenweg |
|---|---|---|
| Website- und App-Betreiber | Direkt gemessene Daten aus der eigenen Analyse-Software (z.B. Google Analytics) von Millionen Websites und Apps. | Der Eichmaßstab. Betreiber geben freiwillig ihre echten Zahlen her, im Tausch gegen Vergleichswerte. Nur hier kennt Similarweb die Wahrheit, und nur daran lässt sich das Modell justieren. |
| Contributors Network | Anonyme Verkehrsdaten, gesammelt von Similarweb-Produkten, die auf Millionen Geräten weltweit installiert sind. | Das Panel. Browser-Erweiterungen und Apps, die aufzeichnen, welche Adressen aufgerufen werden. Der eigentliche Rohstoff: nur hier entsteht Verhalten über fremde Websites hinweg. |
| Öffentliche Daten | Öffentlich verfügbare Daten (z.B. Wikipedia, Zensusdaten), algorithmisch erfasst und indexiert. | Die Landkarte. Crawler liefern Struktur, Kategorien, Suchergebnisseiten, App-Store-Positionen und Bevölkerungszahlen. Sagt wenig über Besucher, aber viel darüber, wogegen man sie vergleicht. |
| Partnerschaften | Vorausgewertete Daten globaler Partner wie DSPs, Internetanbieter, Messdienstleister und Wirtschaftsauskunfteien. | Der Lückenfüller. Eingekaufte Bewegungsdaten aus Quellen, die das eigene Panel nicht erreicht: andere Altersgruppen, andere Länder, andere Geräte. Nach 2018 stark ausgebaut. |
Wie aus drei Millionen Browsern hundert Millionen Websites werden
Das ist der Kern der ganzen Sache, und er ist überraschend nachvollziehbar. Vier Schritte, jeder mit einem eigenen Fehler, den der nächste Schritt teilweise wieder einfängt.
Die zweite Eigenheit folgt aus Schritt 02. Ein Panel, das aus Browser-Erweiterungen besteht, sieht die Welt durch einen Desktop-Browser. Alles, was daran vorbeiläuft, sieht es schlecht: Apps, eingebettete Ansichten in sozialen Netzwerken, und zunehmend Antworten, die ein KI-System liefert, ohne dass jemand eine Website aufruft. Deshalb kauft die Firma seit Jahren Partnerdaten und ganze Unternehmen dazu. Das Panel ist nicht das Produkt, es ist die Kalibrierungsgrundlage, die ständig nachgeführt werden muss.
Millionen Menschen messen mit, ohne dass es ihr Ziel war
Jetzt zur schwierigsten Zutat. Ein Panel dieser Größe entsteht nicht dadurch, dass Leute sich freiwillig für Marktforschung melden. Es entsteht dadurch, dass ein Produkt nützlich ist und nebenbei aufzeichnet.
Das ist keine Erfindung von Similarweb, das ist das Grundmodell der Verhaltensmessung, seit es Fernsehquoten gibt. Neu ist die Größenordnung: statt einiger tausend Haushalte sind es Millionen Geräte, und der Gegenwert ist kein Bargeld, sondern ein kostenloses Werkzeug.
Die Herkunft dieses Panels ist über zehn Jahre hinweg von Sicherheitsforschern, Universitäten und einem Werbeblocker-Hersteller dokumentiert worden. Die folgende Zeitleiste ist die nüchterne Zusammenfassung dieser Arbeiten.
Nur Vorfälle mit veröffentlichter technischer Analyse. Die Reichweiten sind nicht addierbar, sie überschneiden sich teilweise.
| Datum | Befund | Reichweite | Wer |
|---|---|---|---|
| 03/2016 | 42 Chrome-Erweiterungen enthalten die Bibliothek upalytics und senden jede besuchte Adresse, jede Suchanfrage und sogar Adressen aus internen Firmennetzen an neun Domains, alle über einen Anonymisierungsdienst registriert. Darunter similarsites.com. Dieselbe Bibliothek steckt in der Similarweb-Erweiterung selbst. | 8,0 Mio. | Michael Weissbacher, Northeastern University |
| 01/2017 | Similarweb kauft die Design-Erweiterung Stylish, mit der Nutzer das Aussehen fremder Websites verändern. Ab derselben Version zeichnet die Chrome-Fassung auf. | ~2,0 Mio. | Übernahme, öffentlich |
| 07/2018 | Stylish sendet jede vollständige Adresse samt dauerhafter Kennung an api.userstyles.org, doppelt base64-verpackt. Vollständige Adresse heißt in der Praxis auch: Anmelde-Token, Links zum Zurücksetzen von Passwörtern, Suchergebnisse. Google und Mozilla nehmen die Erweiterung binnen zwei Tagen aus dem Angebot, eine überarbeitete Fassung kehrt im August zurück. | ~2,0 Mio. | Robert Heaton |
| 07/2018 | Neun Werkzeuge einer frisch gegründeten Delaware-Firma Big Star Labs senden jede besuchte Seite an eigene Server. AdGuard stellt fest, das Datenformat ähnele dem von Stylish, nennt einen Zusammenhang aber ausdrücklich unbestätigt. | 11,0 Mio. | AdGuard |
| 12/2025 | Die Similarweb-Erweiterung liest Unterhaltungen aus ChatGPT, Claude, Gemini und Perplexity mit, über eine nachgeladene Konfigurationsdatei mit eigener Auswertungslogik je Anbieter. Die Fähigkeit kam mit einem Update im Mai 2025 dazu. Der Forscher nennt das Muster Prompt Poaching. Zum 1. Januar 2026 ergänzt Similarweb einen ausdrücklichen Zustimmungsdialog dafür. | 1,0 Mio. | John Tuckner, Secure Annex |
| 02/2026 | Stylish überträgt Adressen und KI-Unterhaltungen durch eine fünfstufige Verschleierung: Adresskodierung, doppeltes base64, Spaltentausch, AES-256-CBC mit im Quelltext eingebautem Schlüssel, abschließend noch einmal base64. | ~2,0 Mio. | James Arnott |
| 05/2026 | Systematischer Scan von 287 Erweiterungen mit zusammen 37,4 Mio. Nutzern, rund ein Prozent aller Chrome-Nutzer weltweit. Similarweb erscheint als häufigster Empfänger über mehrere Wege. Der Report ordnet auch Big Star Labs (3,7 Mio. Nutzer) dem Unternehmen zu. | 37,4 Mio. | Q Continuum |
Ab 2018 ändert sich die Lage. Google und Mozilla verschärfen ihre Regeln, die europäische Datenschutz-Grundverordnung tritt in Kraft, und Similarweb baut hörbar um: mehr eingekaufte Partnerdaten, weniger Abhängigkeit vom Store. In der Vereinbarung mit dem Sicherheitsunternehmen Check Point von 2021 steht sogar ausdrücklich, dass Stylish-Daten nicht Teil des Austauschs sind. In den Börsenunterlagen nennt das Unternehmen die Abhängigkeit vom Contributory Network bis heute als eigenen Risikofaktor: Plattformregeln ändern sich häufig und werden uneinheitlich durchgesetzt.
Wie viele Erweiterungen betreibt Similarweb heute?
Die naheliegende Antwort lautet zwei: die Traffic-Erweiterung und die Vertriebs-Erweiterung, beide tragen den Namen. Wir haben am 7. August 2026 stattdessen die Herausgeber-Kennungen im Chrome Web Store ausgelesen, also nicht Produktnamen verglichen, sondern Konten. Dabei kommen zwei weitere Einträge dazu.
Stylish steht bis heute unter dem Herausgeber-Konto similarweb-ltd und ist mit zwei Millionen Nutzern der größte Posten. Similar Sites läuft unter similargroup, dem alten Firmennamen. Beide führen den Namen Similarweb im Store-Eintrag nicht.
Nutzerzahlen wie vom Chrome Web Store ausgewiesen, abgerufen am 7. August 2026. Der Store rundet auf glatte Stufen.
| Erweiterung | Herausgeber im Store | Trägt den Namen? | Nutzer |
|---|---|---|---|
| Stylish: Custom themes for any website | similarweb-ltd | nein | 2.000.000 |
| Similarweb: Website Traffic, AI Traffic & SEO Checker | Similarweb | ja | 1.000.000 |
| Similar Sites: Discover Related Websites | similargroup | nein | 300.000 |
| Similarweb Sales Extension | Similarweb | ja | 20.000 |
| Summe Chrome | 3.320.000 |
Die Antwort steht in den Bedingungen, und sie ist erstaunlich offen
Für die Frage, welche Daten tatsächlich fließen, braucht es keinen Sicherheitsforscher. Man muss nur die richtige Datei lesen, und das ist die kleine Schwierigkeit: die Datenschutzerklärung von Similarweb gilt ausdrücklich nicht für die Browser-Erweiterung. Sie sagt das in einem eigenen Satz.
Die Erklärung, die für die Erweiterung gilt, liegt auf einer anderen Domain: similarsites.com. Dort steht dann sehr klar, wer verantwortlich ist und was erhoben wird. Das ist kein Leck und kein Fund, das ist der Text, dem beim Installieren zugestimmt wird.
Die letzte Zeile in der Tabelle ist die wirtschaftlich wichtigste: das Ergebnis darf an Geschäftskunden weitergegeben werden. Genau das ist das Produkt, das Similarweb verkauft.
Wörtlich aus der Datenschutzerklärung unter similarsites.com, abgerufen am 7. August 2026.
| Kategorie | Eigene Formulierung |
|---|---|
| Verantwortlich | „Similarweb Ltd., gegründet nach dem Recht des Staates Israel, ist der Verantwortliche" |
| Adressen | „aufgerufene oder besuchte URLs, Seiten, auf denen Werbung gesehen oder geklickt wurde, Werbe-URL" |
| Verlauf | „Clickstream-Daten, Suchverlauf und Informationen über Interaktionen" |
| Suche | „Daten von Suchergebnisseiten (Suchwort, Reihenfolge oder Rang der Ergebnisse)" |
| KI-Eingaben | „Prompts, Anfragen, Inhalte und andere Eingaben, die du in bestimmte Werkzeuge der künstlichen Intelligenz eingibst oder dort absendest" |
| Weitergabe | „Wir können diese Kategorien an Geschäftskunden ‚verkaufen' oder ‚teilen', damit unsere Geschäftskunden das Verbraucherverhalten besser verstehen" |
Vom Schmuckladen zur Börse: Or Offer
Or Offer, Jahrgang 1983, wächst in Tzur Hadassah bei Jerusalem auf, als Computerkind mit Eltern, die Schmuck entwerfen und mit der Unsicherheit dieses Berufs kämpfen. Nach der Schule will ihn die Aufklärungseinheit 8200 als Programmierer. Er lehnt ab und geht zu Oketz, der Hundestaffel, unter anderem auf einen Posten im Gazastreifen. Über diese Zeit sagt er später, sie habe ihm beigebracht, als junger Mensch vor erfahrenen Leuten zu bestehen.
Danach studiert er berufsbegleitend BWL am IDC Herzliya und baut zwei Schmuckläden auf, in Zichron Ya'akov und Netanya, dazu einen Online-Shop. Die Kette heißt Maya Offer, nach seiner Mutter. Seine Eltern drängen ihn Richtung Hightech.
Der Auslöser ist ein Name: ein Lieferant erwähnt den Designer David Yurman, der Steine mit Silber kombiniert. Offer will online vergleichbare Produkte finden und stellt fest, dass es dafür kein Werkzeug gibt. Similarweb entsteht 2007 als Browser-Erweiterung, die zu einer Website ähnliche Websites vorschlägt. Daher der Name, und daher auch das Panel: die Datensammlung ist ursprünglich das Nebenprodukt einer Suchfunktion.
Er ist 23 und arbeitet über ein Jahr ohne Gehalt. 2007 verlässt ein wichtiger Mitstreiter das Projekt, weil er nicht an das Produkt glaubt. Mit 24 denkt Offer ans Aufhören und bleibt: „Ich hatte nichts anderes zu tun, also machte ich weiter."
2009 gibt Yossi Vardi ihm eine Million Dollar, für rund fünf Prozent. Davon lebt die Firma fünf Jahre lang, mit sieben oder acht Leuten. 2011 kommt der Schwenk, der alles entscheidet: weg vom Verbraucherprodukt, hin zu einer Analyseplattform für Unternehmen und Investoren. Das Verbraucherprodukt verschwindet dabei nicht, es wechselt die Rolle. Es ist ab jetzt nicht mehr das Produkt, es ist die Messstelle.
Offer war Alleingründer und hält das für einen Vorteil: „Wenn es mehrere Gründer gibt, braucht jeder eine Rolle, um sich wichtig zu fühlen. Gerade weil ich allein war, hat mir das viel Politik erspart."
2014 führt Naspers eine Runde über 18 Mio. Dollar an. Im Mai 2021 geht die Firma an die New Yorker Börse, bewertet mit 1,6 Mrd. Dollar, und nimmt rund 180 Mio. Dollar ein. Sitz ist bis heute Givatayim bei Tel Aviv, dazu New York und London.
Die Wachstumsraten von über 40 Prozent gab es in den Jahren um den Börsengang. Seit 2023 liegt das Wachstum stabil im niedrigen Zehnerbereich.
| Jahr | Umsatz (Mio. $) | Wachstum |
|---|---|---|
| 2019 | 70,6 | – |
| 2020 | 93,5 | +32,4 % |
| 2021 | 137,7 | +47,3 % |
| 2022 | 193,2 | +40,4 % |
| 2023 | 218,0 | +12,8 % |
| 2024 | 249,9 | +14,6 % |
| 2025 | 282,6 | +13,1 % |
Zugekauft wurde die Breite
Das eigene Panel misst Web-Verkehr im Browser. Alles darüber hinaus, App-Daten, Werbedaten, Suchmaschinen-Rankings, kam über Übernahmen dazu. Acht dokumentierte Käufe in zehn Jahren, Kaufpreise fast nie veröffentlicht. Die Liste liest sich wie eine Landkarte der blinden Flecken, die ein Browser-Panel hat.
| Jahr | Unternehmen | Welche Lücke damit geschlossen wurde |
|---|---|---|
| 2014 | TapDog | Frühphasen-Startup, Anteile und Bargeld |
| 2015 | Swayy | Inhaltsentdeckung |
| 2015 | Quettra | Mobile Analyse, also der erste blinde Fleck des Browser-Panels |
| 2017 | Stylish | Rund zwei Millionen Browser auf einen Schlag, also reine Panel-Größe |
| 2021 | Embee Mobile | Mobile Panel-Daten |
| 2022 | Rank Ranger | Suchmaschinen-Rankings und Schnittstellen |
| 2024 | Admetricks | Werbedaten |
| 2024 | 42matters | App-Daten |
| 2025 | The Search Monitor | Bezahlte Suche, Markenschutz, Partnerprogramm-Kontrolle |
Der Rohstoff wird zum Trainingsmaterial
Am 13. Mai 2026 hat der Verwaltungsrat die Suche nach einem neuen Vorstandsvorsitzenden eröffnet. Or Offer geht bis Mitte 2027, nach fast genau zwanzig Jahren. „Similarweb war mein Lebenswerk", sagt er, es sei „der richtige Moment". Der Aufsichtsratsvorsitzende Harel Beit-On nennt das Ergebnis „ein einzigartiges Datenvermögen".
Der Börsenwert lag im Mai 2026 bei rund 270 Mio. Dollar, gut 56 Prozent unter dem Jahresanfang und weit unter den 1,6 Mrd. des Börsengangs. Der Umsatz wächst, der Kurs nicht. Das ist der Rahmen, in dem der nächste Schritt zu lesen ist.
Im ersten Quartal 2026 hat Similarweb einen siebenstelligen Vertrag über Trainingsdaten für ein großes Sprachmodell unterschrieben, mit einem bestehenden Großkunden. Ein zweiter ist angekündigt. Zusammen mit weiteren mehrjährigen Abschlüssen nennt das Unternehmen 47 Mio. Dollar Gesamtvertragswert.
Damit entsteht eine bemerkenswerte Schleife. Das Panel zeichnet auf, wie Menschen mit KI-Systemen sprechen. Die Auswertung davon wird an die Hersteller solcher Systeme verkauft. Und ein drittes Produkt verkauft Marken die Beobachtung, wie diese Systeme ihre Produkte empfehlen. Derselbe Rohstoff, drei Märkte.
Für den Leser ist daran das Interessante die Richtung: Verhaltensdaten sind gerade dabei, von einem Analysewerkzeug zu einem Rohstoff für Modelle zu werden. Similarweb ist dafür ein früher, gut dokumentierter Fall.
Der Fehler ist groß, und er zeigt nicht immer in dieselbe Richtung
Es gibt mehrere unabhängige Vergleiche gegen echte Analytics-Zugänge. Sie widersprechen einander im Vorzeichen, und genau das ist das Ergebnis. Wer eine einzige Fehlerangabe erwartet, hat die Sache falsch verstanden: der Fehler hängt davon ab, wie groß die Seite ist, welche Art Seite es ist und wie gut Analytics selbst auf dieser Seite misst.
Alle gegen Google Analytics als Referenz. Unterschiedliche Stichproben, unterschiedliche Jahre, unterschiedliche Vorzeichen.
| Studie | Stichprobe | Befund |
|---|---|---|
| Omniconvert, 2026 | 1.787 Shops | Sitzungen um rund 94 Prozent zu hoch. Fehler systematisch, nicht zufällig. Große Seiten deutlich genauer als kleine. |
| PLOS One, 2022 | 86 Websites | Besuche 19,4 Prozent zu niedrig, eindeutige Besucher 38,7 Prozent zu niedrig, Absprungrate 25,2 Prozent zu hoch. |
| SparkToro | Anbietervergleich | Bei Seiten ab 5.000 Nutzern am häufigsten innerhalb von ±30 Prozent und damit besser als alle Wettbewerber. Unter 5.000 Nutzern schlechter. |
Vier Sätze, damit das Bild stimmt
Erstens: hier wird nichts vorgeworfen. Es gibt keinen Fall, in dem einer Behörde ein Rechtsverstoß nachgewiesen worden wäre. Dieser Report beschreibt einen Mechanismus, er klagt nicht an.
Zweitens: Similarweb widerspricht der Darstellung von 2016. Das Unternehmen hat erklärt, es handle sich um „wiederholte ausländische Berichte aus 2016, die schon damals haltlos waren und vor vielen Jahren widerlegt wurden". Dieser Satz steht hier so, wie er gefallen ist.
Drittens: die Firma hat erkennbar umgebaut. Nach 2018 weg von der Abhängigkeit vom Store, hin zu eingekauften Partnerdaten, mit ausdrücklichem Ausschluss von Stylish-Daten in der Check-Point-Vereinbarung und einem Zustimmungsdialog für KI-Inhalte seit Januar 2026.
Viertens: das ist ein Branchenmodell, kein Einzelfall. Verhaltenspanels aus Verbraucherprodukten gibt es seit den Fernsehquoten. Der Scan von 2026 fand 287 Erweiterungen, nicht vier. Similarweb ist hier das am besten dokumentierte Beispiel, weil es börsennotiert ist und deshalb Rechenschaft ablegen muss.
Und der Punkt, an dem sich das Ganze auflöst: es gibt keine Methode, fremden Verkehr zu schätzen, ohne irgendwo jemanden zu beobachten. Die Alternative zu einem Panel ist kein besseres Panel, sondern gar keine Zahl. Wer die Zahl nutzt, nutzt das Verfahren mit.
Für deine Analysen
Nutze Similarweb für Verhältnisse und Verläufe, nicht für absolute Zahlen in einer Rechnung, an der etwas hängt. Der dokumentierte Fehler reicht von der Hälfte bis zum Doppelten und dreht je nach Seitentyp das Vorzeichen.
Für kleine Seiten doppelt vorsichtig
Unter etwa 5.000 monatlichen Nutzern wird es unzuverlässig, und zwar aus einem strukturellen Grund: dort liegen zu wenige Eichpunkte und zu wenige Panel-Treffer.
Für deine eigene Seite
Deine Zahlen sind bereits im Panel, und dein Wettbewerb kann sie lesen. Das ist kein Angriff, sondern der Normalfall. Plane damit.
Für deine Arbeitsgeräte
Eine Browser-Erweiterung sieht alles, was im Reiter passiert. Auf einem Rechner mit Kundendaten, Verträgen oder KI-Unterhaltungen im Browser ist jede installierte Erweiterung eine Entscheidung über Vertraulichkeit. Einmal durchzählen und bei jeder den Herausgeber prüfen, das ist eine Sache von zehn Minuten.
- Or Offer, ausführliches Porträt-Interview (Calcalist/CTech). Kindheit, Oketz, die Schmuckkette, der David-Yurman-Moment, die Jahre ohne Gehalt, Vardis Million, der Schwenk 2011. Die Quelle für fast alle Zitate in Abschnitt 07. calcalistech.com
- Or Offer im Gespräch mit Forbes, Februar 2017. Unternehmertum, Krisen, warum ein Schwenk „wie eine Scheidung" ist. forbes.com
- Or Offer über seinen Rückzug, Mai 2026 (CTech). „Similarweb war mein Lebenswerk", plus die aktuellen Geschäftszahlen und der Kursverfall. calcalistech.com
- Originalmitteilung zur Nachfolge, 13. Mai 2026. Wortlaut von Or Offer und Aufsichtsratschef Harel Beit-On. ir.similarweb.com
- Marta Sulkiewicz, VP Emerging Solutions, zum KI-Geschäft (MediaPost, Mai 2026). Zum Trainingsdaten-Vertrag und dazu, was Marken heute fragen: „Jeden Tag werden wir gefragt, ob wir Kaufabschlüsse in KI-Agenten und Bots sehen können." mediapost.com
- Michael Weissbacher, Northeastern University, zur Untersuchung von 2016. Die Erstbeschreibung des Panels aus Sicht der Sicherheitsforschung. mweissbacher.com
- John Tuckner, Secure Annex, zu Prompt Poaching. „Prompt Poaching ist angekommen, um deine sensibelsten Unterhaltungen abzugreifen, und Browser-Erweiterungen sind der Weg dorthin." cybernews.com
- Quartalsberichte mit Or Offer im Original-Ton. Alle Mitschriften und Aufzeichnungen der Telefonkonferenzen. ir.similarweb.com
Vom Unternehmen selbst
- Similarweb, Our Data. Die vier Quellen im Wortlaut, dazu 100 Mio.+ Websites, 4 Mio.+ Apps, 10 Mrd. Signale und 2 TB pro Tag. similarweb.com
- Similarweb, Datenschutzerklärung. Enthält den Hinweis, dass sie für App und Browser-Erweiterung nicht gilt. similarweb.com
- SimilarSites, Datenschutzerklärung. Die Erklärung, die für die Erweiterung gilt. Verantwortlicher, URLs, Clickstream, Suchverlauf, KI-Eingaben, Weitergabe an Geschäftskunden. similarsites.com
- Formular 20-F, Geschäftsjahr 2021. Risikohinweis zur Abhängigkeit des Contributory Network von Erweiterungen und Apps in fremden Stores. sec.gov
- Quartals- und Jahreszahlen. Umsatz 2025, Kundenzahl, ARR-Kunden, Q1 2026, KI-Datenvertrag. ir.similarweb.com
Unabhängige Untersuchungen
- Michael Weissbacher, März 2016. 42 Erweiterungen, 8 Mio. Installationen, die upalytics-Bibliothek und die neun Empfängerdomains. mweissbacher.com
- Ex-Ray (Northeastern University und UCL), ACSAC 2017. Systematische Erkennung verlaufsabgreifender Erweiterungen, 10.691 untersucht, 212 auffällig. mweissbacher.com (PDF)
- Robert Heaton, 2. Juli 2018. Die technische Analyse von Stylish: vollständige Adressen, dauerhafte Kennung, doppeltes base64. robertheaton.com
- AdGuard, Juli 2018. Big Star Labs, über 11 Mio. Betroffene, Empfängerdomains. Enthält den ausdrücklichen Vorbehalt zum vermuteten Zusammenhang. adguard.com
- Q Continuum, 2026. 287 Erweiterungen, 37,4 Mio. Nutzer, 930 CPU-Tage Messzeit, Verfahren und Einzelbefunde. github.com
- Consumer Rights Wiki, Eintrag SimilarWeb. Zeitleiste der Vorfälle bis Mai 2026, inklusive der Analyse von James Arnott. consumerrights.wiki
Journalismus und Genauigkeitsstudien
- Globes, 2021: „Similarweb's controversial route to Wall Street". Die ausführlichste journalistische Aufarbeitung, inklusive der Stellungnahme des Unternehmens und der Check-Point-Vereinbarung. globes.co.il
- Omniconvert, 2026. Vergleich von 1.787 Shops gegen Google Analytics. omniconvert.com
- PLOS One, 2022. Vergleich zweier Messverfahren über 86 Websites. journals.plos.org
Eigene Erhebung McGrinsey: Die Nutzerzahlen und Herausgeber-Konten der vier Chrome-Erweiterungen in Abb. 03 wurden am 7. August 2026 direkt aus den Store-Einträgen ausgelesen. Der Chrome Web Store rundet Nutzerzahlen auf glatte Stufen, die Summe von 3.320.000 ist entsprechend grob. Der Rechenweg in Abschnitt 03 ist eine Rekonstruktion aus der veröffentlichten Methodik und der Fachliteratur zu Panel-Hochrechnung, das Unternehmen veröffentlicht ihn nicht im Detail. Alle Übersetzungen stammen von uns. Wo Quellen einander widersprechen, steht der Widerspruch im Text.
Dieser Report hat eine einzelne Firma auseinandergenommen, weil sie am besten dokumentiert ist. Die Methode dahinter ist allgemein: eine Zahl verstehen heißt, ihre Stichprobe zu kennen und zu wissen, woran sie geeicht wurde.
Daten 02 nimmt sich die Gegenseite vor: Wer misst eigentlich Suchmaschinen und KI-Antworten, wenn beide immer weniger Klicks abgeben? Und was passiert mit einem Panel, wenn immer weniger Verkehr überhaupt noch durch einen Browser läuft?
Verwandt: Bau es selbst zur Frage, was du dir mit fremden Bauteilen sonst noch einkaufst.


