MCG Research · Daten 02 · August 2026

Die letzten Klicks

Wer misst das Internet, wenn niemand mehr klickt?

Von 1.000 Google-Suchen in den USA erreichen noch 276 das offene Web. Vor zwei Jahren waren es 374. Diese Zahl ist die meistzitierte Aussage über den Zustand des Netzes, und fast niemand fragt, woher sie kommt. Die Antwort ist unangenehm elegant: Um zu beweisen, dass niemand mehr klickt, muss jemand Millionen Browsern beim Nichtklicken zusehen. Der Beweis für die Zeit nach dem Klick wird mit Werkzeugen von vor dem Klick geführt.

01 · Die Zahl

276 von 1.000

SparkToro hat für Januar bis April 2026 den US-Suchverkehr ausgewertet. Ergebnis: 68,01 Prozent aller Google-Suchen enden ohne einen einzigen Klick. 2024 waren es 60,45 Prozent, 2019 rund 49, 2016 rund 45.

Interessanter als der Prozentsatz ist die Umrechnung auf tausend Suchen, weil sie das Verhältnis zeigt, das für Betreiber zählt. Von 1.000 Suchen kommen 276 Klicks im offenen Web an. In der Erhebung von 2024 waren es 374.

Ein Viertel der Klicks je tausend Suchen ist in zwei Jahren verschwunden. Nicht weil weniger gesucht wird, sondern weil die Antwort inzwischen oben auf der Seite steht.

27,6%
Anteil der Google-Suchen, die 2026 noch einen Klick ins offene Web schicken. 2024 waren es 37,4 Prozent.

Was heißt „ohne Klick"?

Nicht, dass jemand blockiert wurde. Es heißt, dass die Suche schon fertig beantwortet war, bevor es etwas zum Anklicken gab. Die Antwort stand auf der Ergebnisseite selbst.

Das ist älter als jede KI. Das Wetter steht seit Jahren direkt da. Wechselkurs, Rechenaufgabe, Öffnungszeiten, Kartenausschnitt, Songtext, Sportergebnis: alles beantwortet Google auf der eigenen Seite. Seit 2024 kommt die KI-Zusammenfassung ganz oben dazu, und die kann sehr viel mehr Fragen beantworten als eine Wetterkachel.

Für dich als Suchenden ist das eine Verbesserung. Du bekommst die Antwort schneller und musst keine Seite mit Bannern laden.

Für die Website, aus deren Text diese Antwort stammt, ist es ein Besuch, der nie stattfindet. Beide Sätze stimmen gleichzeitig, und das ist der Grund, warum die Sache so schwer zu diskutieren ist.

Im Bild unten ist deshalb beides dieselbe Einheit: ein Zeichen ist eine Suchanfrage. Ein voller Punkt hat einen Klick geschickt, ein leerer Kreis wurde oben beantwortet. Was sich verschiebt, ist nur das Verhältnis.

Abb. 00 · Jede Zeitscheibe von 2016 bis 2026 bekommt genau 20 Suchen, deshalb sind beide Stapel zusammen immer gleich hoch und der Blick vergleicht Anteile statt Mengen. Die vier weißen Marken auf der Mittellinie sind die tatsächlich gemessenen Werte (45, 49, 60, 68 Prozent), dazwischen ist linear interpoliert. Quelle der Messpunkte: SparkToro, Panels von Jumpshot, Datos und Similarweb, siehe Abschnitt 03.
68,01%
Suchen ohne Klick
USA, Januar bis April 2026. Zehn Jahre zuvor waren es rund 45 Prozent.
−26%
Klicks je 1.000 Suchen
Von 374 auf 276 in zwei Jahren. Das ist der Verlust, den Betreiber tatsächlich spüren.
20%+
Suchen mit KI-Antwort
Wo eine KI-Zusammenfassung erscheint, fällt die Klickrate um knapp 60 Prozent.
0,34%
Anteil KI-Modus
Der reine Chat-Modus ist bisher winzig. Der Verlust kommt aus der normalen Suchseite, nicht aus dem Chat.
Die letzte Kachel ist die, die am meisten korrigiert. In der Debatte klingt es, als wanderten alle in einen Chatbot ab. Der KI-Modus macht bisher ein Drittel Prozent der Suchen aus. Der Klickverlust entsteht fast vollständig auf der ganz normalen Ergebnisseite, durch die Zusammenfassung oben und durch alles andere, was Google dort platziert, um dich auf der Seite zu halten.
02 · Wie man das misst

Um das Nichtklicken zu sehen, musst du beim Klicken zusehen

Google veröffentlicht diese Zahl nicht. Es gibt keine Statistik darüber, wie viele Suchen ohne Klick enden, die aus der Suchmaschine selbst käme. Jede Zahl in Abschnitt 01 stammt von aussen.

Und von aussen gibt es genau ein Verfahren: man beobachtet Menschen beim Suchen. Nicht die Suchmaschine, nicht die Zielseiten, sondern die Geräte dazwischen. Genau das Panel-Verfahren aus Daten 01, nur auf eine andere Frage angesetzt.

Das ergibt eine Kette mit vier Gliedern, und jedes einzelne davon ist ein beobachteter Browser. Kein Glied kommt ohne aus.

Die Konsequenz daraus zieht sich durch den Rest dieses Reports: die Aussage „der Klick stirbt" ist nur so belastbar wie das Instrument, das ihn beim Sterben zusieht. Und dieses Instrument hat gerade selbst Probleme.

Glied 01
Erweiterung
Ein Werkzeug im Browser zeichnet auf, welche Adresse aufgerufen wird. Meist ein Produkt mit anderem Zweck.
Glied 02
Sitzung
Aus der Adressfolge wird rekonstruiert, wo eine Suche begann und ob danach etwas anderes kam. Mobil gilt eine Sitzung nach 10 Sekunden Ruhe als beendet.
Glied 03
Einordnung
Jeder Folgeaufruf wird sortiert: Klick ins offene Web, Klick zurück zu Google, oder kein Klick.
Ergebnis
Eine Quote
68,01 Prozent. Gewichtet mit der Annahme zwei Drittel mobil, ein Drittel Rechner.
Zwei Annahmen in Glied 02 und 03 tragen das ganze Ergebnis. Die Sitzungsgrenze von zehn Sekunden entscheidet, ob ein späterer Aufruf noch zur Suche gehört. Die Aufteilung zwei Drittel zu einem Drittel entscheidet, wie stark die mobile Welt durchschlägt, in der die Quote deutlich höher liegt. Beide sind offengelegt und beide sind vernünftig. Beide sind aber Setzungen, keine Messungen.
03 · Die Kurve, die alle zitieren

Vier Punkte, drei Panels, drei verschiedene Firmen

Die Zeitreihe von 2016 bis 2026 wird überall als eine Linie gezeigt. Sie ist keine. Sie ist aus drei verschiedenen Datenquellen zusammengesetzt, die nie dieselben Menschen und nie dieselben Geräte gesehen haben. SparkToro sagt das selbst dazu, und das ist der Grund, warum wir es hier auch sagen.

Abb. 01 Woher jeder Punkt der Kurve stammt

Anteil der Google-Suchen ohne Klick, USA. Die Balken sind vergleichbar in der Aussage, nicht in der Erhebung.

2016 · Jumpshot
~45 %
2019 · Jumpshot
~49 %
2024 · Datos
60,45 %
2026 · Similarweb
68,01 %
PunktPanelWem gehört es heuteWert
2016JumpshotExistiert nicht mehr. Tochter des Virenschutz-Herstellers Avast, im Januar 2020 abgeschaltet.~45 %
2019Jumpshotdito~49 %
2024DatosSemrush hielt seit Dezember 2023 die Mehrheit. Semrush gehört seit April 2026 Adobe.60,45 %
2026SimilarwebBörsennotiert, NYSE. Das Panel aus Daten 01.68,01 %
SparkToro weist ausdrücklich darauf hin, dass die früheren Datensätze aus anderen Panels stammen, also „nicht dieselben Nutzer oder Geräte". Die Kurve ist eine Aussage über eine Entwicklung, keine durchgezogene Messreihe.
Und dann ist da die Sache mit Jumpshot. Die beiden ältesten Punkte der wichtigsten Kurve über den Zustand des Webs stammen von einer Firma, die es nicht mehr gibt, weil sie genau dafür abgeschaltet wurde. Jumpshot war der Datenarm des Virenschutzherstellers Avast, hatte Zugriff auf rund 100 Millionen Geräte und verkaufte Verläufe unter anderem an Google, Microsoft, Yelp und McKinsey. Nach einer gemeinsamen Recherche von Vice und PCMag im Januar 2020 machte Avast die Tochter binnen Tagen dicht. 2024 verbot die US-Handelsbehörde Avast den Verkauf solcher Daten und verhängte 16,5 Mio. Dollar.
Die Geschichte des Klicks ist mit Instrumenten geschrieben, die es teilweise nicht mehr geben darf.
04 · Der Widerspruch

Der Einzige, der es genau weiss, sagt das Gegenteil und zeigt nichts

Im August 2025 erklärte Liz Reid, Leiterin der Google-Suche, das gesamte organische Klickvolumen zu Websites sei im Jahresvergleich „relativ stabil" und die Klickqualität sogar leicht gestiegen. Zu den Studien von aussen sagte sie, sie beruhten auf „fehlerhaften Methoden, Einzelfällen oder Verkehrsveränderungen, die vor der Einführung der KI-Funktionen stattfanden".

Das ist eine ernstzunehmende Aussage, denn Google ist die einzige Stelle, die die Wahrheit tatsächlich kennt. Sie kam allerdings ohne Datensatz, ohne Zeitreihe und ohne Grafik.

Und sie steht gegen drei unabhängige Messungen mit sehr unterschiedlichen Verfahren, die alle in dieselbe Richtung zeigen.

Am schwersten wiegt dabei die dritte, weil sie als einzige ein echtes Experiment ist und nicht eine Beobachtung: Zwei Forscher haben eine eigene Chrome-Erweiterung gebaut und 1.065 Teilnehmer zufällig in Gruppen geteilt, denen die KI-Zusammenfassung gezeigt oder entfernt wurde. Damit lässt sich Ursache von Begleitumstand trennen, was einer Panel-Beobachtung grundsätzlich nicht gelingt.

Auch dieses Experiment lief, man ahnt es, über eine Browser-Erweiterung.

Abb. 02 Drei Messungen, drei Verfahren, eine Richtung

Alle drei messen etwas anderes und sind deshalb nicht ineinander umrechenbar. Genau das macht die Übereinstimmung der Richtung aussagekräftig.

UntersuchungVerfahrenBefund
Pew Research Center, Juli 2025 Beobachtung. 900 Erwachsene mit installiertem Verlaufs-Aufzeichner, März 2025, 68.879 Suchen davon 12.593 mit KI-Zusammenfassung. Mit Zusammenfassung klickten 8 Prozent auf ein Ergebnis, ohne 15 Prozent. Auf den Verweis in der Zusammenfassung selbst klickte 1 Prozent.
SparkToro, Mai 2026 Beobachtung. Similarweb-Panel, USA, Januar bis April 2026. 68,01 Prozent ohne Klick. Je 1.000 Suchen noch 276 Klicks ins offene Web.
Agarwal (ISB) und Sen (Carnegie Mellon), 2026 Randomisiertes Feldexperiment. Eigene Chrome-Erweiterung, 1.065 US-Teilnehmer, Zufallszuteilung, Januar und Februar 2026. Wo die Zusammenfassung erschien, 38 bis 40 Prozent weniger Klicks nach draussen. Die berichtete Zufriedenheit blieb dabei nahezu gleich.
Google, August 2025 Aussage ohne veröffentlichte Daten. Klickvolumen „relativ stabil", Klickqualität leicht gestiegen.
Der letzte Eintrag steht bewusst in derselben Tabelle. Er ist die Position der bestinformierten Partei und gehört daneben, auch wenn er nicht prüfbar ist.
Beide Seiten können recht haben. Wenn die Zahl der Suchen insgesamt stark steigt, kann die absolute Zahl der Klicks stabil bleiben, während der Anteil je Suche fällt. Genau darauf zielt Googles Formulierung. Für einen einzelnen Betreiber ist das trotzdem kein Trost, denn er sieht die Quote, nicht das Weltvolumen. Solange Google keine Zeitreihe zeigt, lässt sich das nicht auflösen.
05 · Das Instrument wird blind

Das Panel sitzt im Browser. Da findet immer weniger statt.

Hier kommt der zweite Verlust, und er trifft nicht die Websites, sondern die Messung selbst.

Ein Panel aus Browser-Erweiterungen sieht, was durch einen Browser läuft. Auf dem Handy sind das nach gängigen Messungen rund acht Prozent der Nutzungszeit, der Rest passiert in Apps. Und die Suche wandert dorthin: in die Google-App, in ChatGPT, in Assistenten, die gar keine Seite mehr aufrufen.

SparkToro schreibt diese Grenze selbst in die Fussnote, und der Satz ist der ehrlichste der ganzen Studie: die Daten enthalten nicht die mobile Google-App, sondern nur mobile Suchen im Browser.

Die maßgebliche Untersuchung darüber, ob noch geklickt wird, kann also ausgerechnet den Ort nicht sehen, an dem die meisten Menschen suchen. Das macht sie nicht wertlos, es macht sie zu einer Aussage über den Browser-Anteil der Welt. Diese Einschränkung fällt beim Weiterzitieren als erste weg.

Abb. 03 Was ein Browser-Panel vom Netz noch sieht

Drei verschiedene Größen, bewusst nebeneinander: Zeit auf dem Handy, Anteil des maschinellen Verkehrs, und was ein KI-System zurückschickt.

Handy-Zeit im Browser
~8 %
Handy-Zeit in Apps
~92 %
HTML-Verkehr von Maschinen
57,5 %
HTML-Verkehr von Menschen
42,5 %
Handy-Zeit: gängige Marktmessungen, Größenordnung 90 bis 92 Prozent in Apps. Maschinen-Anteil: Cloudflare, Stand 3. Juni 2026, bezogen auf HTML-Abrufe im eigenen Netz.

Und was kommt zurück?

Cloudflare hat dafür eine Kennzahl gebaut, die präziser ist als jede Umfrage: wie viele Seiten holt ein System ab, bevor es einen einzigen Besucher zurückschickt? Sie ergibt sich aus dem eigenen Netzwerkverkehr, ohne Panel und ohne Befragung.

Abb. 04 Abgeholte Seiten je zurückgeschicktem Besucher

Logarithmische Betrachtung nötig: die Werte liegen vier Größenordnungen auseinander. Deshalb hier als Tabelle mit Balken auf Wurzelskala, die Zahl daneben ist die Wahrheit.

DuckDuckGo
1,5 : 1
Google
5,2 : 1
OpenAI
1.276 : 1
Anthropic, Mitte 2026
11.122 : 1
Anthropic, Anfang 2026
23.951 : 1
Balkenlänge auf Wurzelskala, damit 1,5 und 23.951 in ein Bild passen. Die Zahlenspalte ist der echte Wert. Cloudflare Radar, Werte schwanken stark mit dem Messzeitraum: für Anthropic wurden Ende Juni 2025 auch 70.900 : 1 gemessen.
Der Vergleich ist unfair und trotzdem aussagekräftig. Unfair, weil Google eine Suchmaschine betreibt und Anthropic nicht: wer kein Produkt hat, das Menschen weiterschickt, kann keine Besucher schicken. Cloudflare nennt selbst eine weitere Einschränkung, nämlich dass Zugriffe aus einer App keinen Verweis-Kopf tragen und die Quote dadurch zu hoch ausfallen kann. Aussagekräftig ist er, weil er die Richtung der Wertschöpfung zeigt: Inhalte fliessen in eine Richtung ab, Aufmerksamkeit kommt nicht in derselben Richtung zurück.
06 · Die neue Zunft

Wenn es keine Klicks mehr zu zählen gibt, zählt man Erwähnungen

Eine ganze Branche baut gerade das Messwerkzeug für die Welt danach. Die Frage lautet nicht mehr „auf welchem Platz stehe ich", sondern „nennt mich das System, wenn jemand danach fragt".

Das Verfahren dahinter ist bemerkenswert, weil es das Panel umdreht. Statt Menschen beim Suchen zuzusehen, fragt man die Modelle selbst, tausendfach, mit erfundenen aber typischen Fragen, und zählt aus, welche Marken in den Antworten auftauchen. Semrush erneuert dafür nach eigenen Angaben monatlich 158 Millionen Fragen.

Das ist kein Panel, das ist ein Sensor. Und er hat eine Eigenschaft, die alles verschiebt: er misst nicht, was Menschen tatsächlich erlebt haben, sondern was das System antworten würde, wenn man es fragte.

Damit verschwindet der Eichmaßstab aus Daten 01. Beim Verkehr gab es Websites, die ihre echten Zahlen hergaben, und daran ließ sich das Modell justieren. Bei einer KI-Antwort gibt es keine Wahrheit, gegen die man eichen könnte. Es gibt nur weitere Messungen.

Abb. 05 Wer gerade das Messwerkzeug baut

Über 300 Mio. Dollar Wagniskapital sind zwischen Sommer 2025 und Frühjahr 2026 in diese Kategorie geflossen.

AnbieterAnsatzStand 2026
ProfoundVollständige Plattform: messen, auswerten, Inhalte erzeugen, Handlungen vorschlagen.Rund 155 Mio. Dollar eingesammelt, Bewertung 1 Mrd. Dollar Anfang 2026.
Peec AIReine Messgenauigkeit: echte Nutzerinteraktionen nachstellen, regional vergleichen, über 115 Sprachen.Über 30 Mio. Dollar, 4 Mio. Dollar wiederkehrender Umsatz in zehn Monaten.
OtterlySelbstbedienung, offene Preise, vier Systeme im Grundtarif.Der günstige Einstieg der Kategorie.
Semrush (Adobe)Klickstrom-Panel aus 200 Mio. Nutzern plus 158 Mio. monatlich erneuerte Fragen an ChatGPT, Gemini, Perplexity und Googles KI-Modus.Seit April 2026 Teil von Adobe.
SimilarwebEigenes Panel plus ein Produkt, das Verkehr aus Chatbots als eigene Quelle ausweist.Börsennotiert, siehe nächster Abschnitt.
Semrush beschreibt sein Panel selbst als aufgebaut aus „Browser-Erweiterungen, Virenschutz-Software und VPN-Apps". Dieselbe Bauweise wie in Daten 01, nur größer.
Beim Klick gab es eine Wahrheit zum Nacheichen. Bei einer Antwort gibt es nur noch Messungen.
07 · Was die Börse davon hält

Zwei börsennotierte Messfirmen, zwei entgegengesetzte Wege

Es gab bis vor kurzem genau zwei Firmen, deren Geschäft das Vermessen fremden Web-Verkehrs ist und deren Zahlen öffentlich sind: Semrush und Similarweb. Beide haben in denselben achtzehn Monaten das Gegenteil voneinander erlebt.

Semrush wurde gekauft. Adobe kündigte die Übernahme am 19. November 2025 an, 1,9 Mrd. Dollar, 12,00 Dollar je Aktie in bar. Der Kurs sprang am Tag der Ankündigung um 74 Prozent. Am 28. April 2026 war der Kauf vollzogen, seitdem ist die Aktie von der Börse genommen.

Similarweb wurde abgeschrieben und dann neu bewertet. Der Kurs fiel von knapp 21 Dollar nach dem Börsengang auf 2,59 Dollar im Februar 2026, ein Minus von 88 Prozent. Genau in diesen Wochen war die Erzählung vom Ende der Suche auf ihrem Höhepunkt.

Seitdem hat sich der Kurs fast verdreifacht, auf 7,51 Dollar. Auslöser waren nicht bessere Verkehrszahlen, sondern die Verträge über Trainingsdaten und die Produkte rund um KI-Verkehr. Der Markt hat das Unternehmen umkategorisiert: vom Messdienstleister für eine sterbende Größe zum Datenlieferanten für die Systeme, die sie ersetzen.

Abb. 06 Similarweb (NYSE: SMWB), Monatsschluss in US-Dollar

September 2021 bis 8. August 2026. Börsengang im Mai 2021 mit 1,6 Mrd. Dollar Bewertung, heute rund 658 Mio.

20 15 10 5 0 2,59 Tief 20,93 Hoch 7,51 heute 2022 2023 2024 2025
MarkeKursWas da los war
Sept. 202120,93 $Höchster Monatsschluss nach dem Börsengang im Mai 2021
Jan. 202516,21 $Letztes Zwischenhoch
Feb. 20262,59 $Tief. Minus 88 Prozent gegenüber 2021
Mai 20264,15 $Nachfolgesuche für den Gründer eröffnet, KI-Datenvertrag im Quartalsbericht
8. Aug. 20267,51 $Plus 190 Prozent gegenüber dem Tief, weiter 64 Prozent unter dem Hoch
Monatsschlusskurse. Marktkapitalisierung am 7. August 2026: 658 Mio. Dollar bei 87,6 Mio. Aktien. Umsatz der letzten zwölf Monate 289 Mio. Dollar, Ergebnis minus 30 Mio.
Der Kurs erzählt die These dieses Reports genauer als jede Umfrage. Bewertet wurde bis Anfang 2026 ein Unternehmen, das misst, wie Menschen im Browser klicken. Bewertet wird seitdem ein Unternehmen, das Verhaltensdaten an die Systeme verkauft, die das Klicken ersetzen. Dieselbe Firma, dasselbe Panel, ein anderer Markt.
08 · Das eigentliche Problem

Ohne Wahrheit keine Eichung

In Daten 01 stand der Rechenweg jeder Verkehrsschätzung in vier Schritten: erheben, entzerren, eichen, hochrechnen. Der dritte Schritt trägt das Ganze. Ohne eine Menge von Fällen, in denen man die Wahrheit kennt, ist eine Hochrechnung nur eine Vermutung mit Nachkommastellen.

Bei Website-Verkehr gibt es diese Wahrheit: Zehntausende Betreiber geben ihre echten Analysedaten her. Bei den Fragen dieses Reports gibt es sie nicht.

Niemand kann prüfen, ob 68,01 Prozent stimmen, weil nur Google die Vergleichszahl hat und sie nicht zeigt. Niemand kann prüfen, wie oft eine Marke in KI-Antworten vorkommt, weil die Antwort bei jedem Nutzer anders ausfällt und nirgends protokolliert wird.

Damit ist der vierte Schritt in beiden Fällen nicht mehr abgesichert. Was bleibt, ist Schritt eins und zwei: erheben und entzerren, ohne Kontrolle danach. Das ist nicht wertlos, aber es ist eine andere Sorte Zahl, und sie sollte anders gelesen werden.

Schritt 01
Erheben
geht weiter
Panels und Sensoren liefern mehr Rohdaten als je zuvor.
Schritt 02
Entzerren
wird schwerer
Das Panel sitzt im Browser, die Nutzung wandert in Apps. Die Schieflage wächst schneller, als man sie herausrechnen kann.
Schritt 03
Eichen
fällt weg
Für Klickquoten und KI-Erwähnungen gibt es keine öffentliche Wahrheit, gegen die man justieren könnte. Hier bricht die Kette.
Schritt 04
Hochrechnen
ungedeckt
Wird weiter gemacht und weiter zitiert, jetzt aber ohne die Absicherung, die den Schritt vorher gerechtfertigt hat.
Deshalb steht in Abschnitt 03 die Herkunft jedes einzelnen Punktes. Wenn die Eichung fehlt, ist die Herkunft der Daten das Einzige, woran man die Belastbarkeit noch festmachen kann. Eine Zahl ohne Wahrheitsanker muss ihre Stichprobe umso lauter nennen.
09 · Einordnung

Vier Sätze, damit das Bild stimmt

Erstens: die Richtung ist unstrittig. Drei Untersuchungen mit drei verschiedenen Verfahren zeigen dasselbe. Wer bezweifelt, dass die Suche weniger Klicks abgibt, argumentiert gegen die Datenlage.

Zweitens: die Höhe ist es nicht. 68,01 Prozent ist eine Zahl für die USA, für Suchen im Browser, mit einer gesetzten Geräteaufteilung und einer gesetzten Sitzungsgrenze. Sie auf Deutschland, auf Apps oder auf eine einzelne Branche zu übertragen, ist nicht gedeckt.

Drittens: die Messenden sind Beteiligte. SparkToro, Semrush und Similarweb verkaufen Werkzeuge, die genau dann gebraucht werden, wenn die Lage dramatisch ist. Das macht ihre Zahlen nicht falsch, ihre Methodik ist offengelegt und prüfbarer als Googles Gegenrede. Es gehört trotzdem dazugesagt.

Viertens: für dich zählt ohnehin dein eigener Verlauf. Alle Zahlen hier sind Weltdurchschnitte über Millionen Seiten. Deine eigene Analyse-Software misst deinen Fall direkt und ohne Panel dazwischen. Sie ist bei dieser Frage die bessere Quelle, weil du hier zufällig die Wahrheit besitzt, die allen anderen fehlt.

Der Klick war nie das Ziel. Er war nur das, was sich am leichtesten zählen ließ.
10 · Was das praktisch heisst

Miss deinen eigenen Fall

Setz die Impressionen aus der Google Search Console gegen deine Klicks und sieh dir die Quote im Zeitverlauf an. Das ist deine Version von 27,6 Prozent, und sie ist die einzige Zahl zu diesem Thema, die dir wirklich gehört.

Trenne Anteil von Menge

Fallende Klickquote bei steigenden Impressionen ist etwas anderes als fallende Impressionen. Der erste Fall ist der Branchentrend, der zweite ist ein Problem, das du selbst verursacht hast.

Zitiere nie ohne die Grenze

Wer 68 Prozent nennt, sollte USA, Browser und den Zeitraum mitnennen. Ohne diese drei Worte ist die Zahl eine Behauptung über die ganze Welt, und das gibt sie nicht her.

Beobachte, was über dich gesagt wird

Wenn die Antwort den Klick ersetzt, ist die neue Frage, ob du in der Antwort vorkommst. Dafür braucht es kein Werkzeug für 2.000 Dollar im Monat: stell den vier grossen Systemen einmal im Monat dieselben zwanzig Fragen, die deine Kunden stellen, und schreib auf, wer genannt wird. Das ist ein eigenes kleines Panel, und es kostet eine halbe Stunde.

Quellen

Alles, worauf dieser Report steht

Zehn Quellen, jede mit dem, was sie beiträgt, und der vollständigen Adresse. Sie sind absichtlich gross gesetzt und aufgeklappt: wer sie nicht braucht, scrollt vorbei, wer nachprüfen will, soll nicht suchen müssen.

  1. SparkToro: In 2026, Less than One Third of Google Searches Still Send a Click
    Die Hauptquelle. 68,01 Prozent ohne Klick, 276 Klicks je 1.000 Suchen, die Vergleichswerte 2016, 2019 und 2024, und der ausdrückliche Hinweis, dass die früheren Punkte aus anderen Panels stammen und die mobile Google-App nicht enthalten ist.
    sparktoro.com/blog/in-2026-less-than-one-third-of-google-searches-still-send-a-click/
  2. Pew Research Center: Google users are less likely to click on links when an AI summary appears
    Die unabhängige Gegenprobe mit eigenem Panel: 900 Erwachsene, März 2025, 68.879 Suchen. 8 Prozent Klickrate mit Zusammenfassung gegen 15 Prozent ohne, und nur 1 Prozent auf den Verweis in der Zusammenfassung selbst.
    pewresearch.org/short-reads/2025/07/22/google-users-are-less-likely-to-click-on-links-when-an-ai-summary-appears-in-the-results/
  3. Agarwal (Indian School of Business) und Sen (Carnegie Mellon): Feldexperiment zu AI Overviews
    Das einzige echte Experiment zum Thema. Eigene Chrome-Erweiterung, 1.065 US-Teilnehmer per Zufall in Gruppen geteilt, Januar und Februar 2026. Ergebnis: 38 bis 40 Prozent weniger Klicks nach draussen, bei nahezu unveränderter Zufriedenheit.
    searchenginejournal.com/ai-overviews-cut-organic-clicks-38-field-study-finds/573145/
  4. Cloudflare: The crawl before the fall of referrals
    Die Kennzahl abgeholte Seiten je zurückgeschicktem Besucher, aus dem eigenen Netzverkehr statt aus einem Panel. Enthält die Rechenvorschrift und den Vorbehalt, dass App-Zugriffe keinen Verweis-Kopf tragen.
    blog.cloudflare.com/ai-search-crawl-refer-ratio-on-radar/
  5. Vice Motherboard und PCMag: Leaked Documents Expose the Secretive Market for Your Web Browsing Data
    Die Recherche vom Januar 2020, die Jumpshot beendete. Rund 100 Millionen Geräte, Kunden darunter Google, Microsoft, Yelp und McKinsey. Ohne dieses Panel gäbe es die beiden ältesten Punkte der Zero-Click-Kurve nicht.
    vice.com/en/article/avast-antivirus-sells-user-browsing-data-investigation/
  6. TechCrunch: FTC bans antivirus giant Avast from selling its users' browsing data
    Der Nachklang, Februar 2024. Verkauf an über hundert Firmen, 16,5 Mio. Dollar Strafe, Verbot des Weiterverkaufs. Belegt, dass der Fall Jumpshot behördlich abgeschlossen ist und nicht bloss ein Presseskandal war.
    techcrunch.com/2024/02/22/ftc-bans-avast-selling-customers-sensitive-browsing-data/
  7. Adobe: Adobe Completes Semrush Acquisition
    Die Originalmitteilung zum Abschluss am 28. April 2026. Dazu die Ankündigung vom 19. November 2025: 1,9 Mrd. Dollar, 12,00 Dollar je Aktie in bar, Kurssprung von 74 Prozent am Ankündigungstag.
    news.adobe.com/news/2026/04/adobe-completes-semrush-acquisition
  8. Semrush Knowledge Base: Semrush Data & Metrics
    Die eigene Beschreibung des Panels: über 200 Millionen Nutzer in mehr als 190 Ländern, aufgebaut aus Browser-Erweiterungen, Virenschutz-Software und VPN-Apps, dazu 158 Millionen monatlich erneuerte Fragen an die KI-Systeme.
    semrush.com/kb/997-semrush-data
  9. Search Engine Land und Search Engine Roundtable zu Googles Gegenposition
    Liz Reids Aussage vom August 2025, das organische Klickvolumen sei „relativ stabil", samt der Kritik, dass Google dazu weder Search-Console-Daten noch eine Zeitreihe vorgelegt hat.
    seroundtable.com/google-clicks-stable-with-ai-overviews-39900.html
  10. Similarweb Investor Relations und Kursdaten
    Quartalszahlen, Marktkapitalisierung und der Monatsschlusskurs-Verlauf für Abb. 06. Stand 7. August 2026: 7,51 Dollar, 658 Mio. Dollar Marktkapitalisierung, 87,6 Mio. Aktien, 289 Mio. Dollar Umsatz der letzten zwölf Monate.
    ir.similarweb.com/financials/quarterly-results

Eigene Arbeit McGrinsey: Umrechnung der Zero-Click-Quote auf Klicks je 1.000 Suchen, Wurzelskala für Abb. 04, Kursreihe für Abb. 06 aus Monatsschlusskursen September 2021 bis August 2026, sowie die Animation in Abschnitt 01, die 1.000 Teilchen mit dem gemessenen Verhältnis 276 zu 724 laufen lässt. Alle Übersetzungen aus dem Englischen stammen von uns. Wo Quellen einander widersprechen, steht der Widerspruch im Text.

Anschluss
Daten 01 fragte, woher eine Zahl kommt. Daten 02 fragt, was passiert, wenn es sie nicht mehr gibt.

Daten 01: Die Super-Datensammler hat den Rechenweg jeder Verkehrsschätzung zerlegt und gezeigt, dass alles am dritten Schritt hängt, der Eichung an echten Zahlen. Dieser Report zeigt, was passiert, wenn dieser Schritt für eine neue Frage nicht mehr zur Verfügung steht.

Daten 03 nimmt sich die dritte Ebene vor: Wenn Modelle mit Daten trainiert werden, die aus Panels stammen, und ihre Antworten wieder von Panels vermessen werden, wo kommt dann noch eine unabhängige Beobachtung her? Und was ist eigentlich der Preis eines Datenpunkts geworden?