Die flache Linie
Was ein Rechenzentrum im deutschen Stromnetz wirklich anrichtet.
Energie 01 hat die Welt auf Jahresauflösung vermessen: 19 Terawatt Dauerleistung, Rechenzentren darin 1,5 Prozent. Auf Jahresauflösung sieht das harmlos aus. Deutschland liefert die Gegenprobe im Viertelstundentakt, und dort löst sich die Harmlosigkeit auf. Nicht wegen der Menge, sondern wegen der Form: alles im Netz schwankt inzwischen wild, ein Rechenzentrum nicht. Wir haben das Jahr 2025 in 35.040 Einzelmessungen selbst nachgerechnet.
Aus 1,5 Prozent werden 4,6, sobald man genau hinsieht
In Energie 01 stand die Weltzahl: Rechenzentren verbrauchten 485 Terawattstunden Strom, das sind 1,53 Prozent des Weltstroms. Der Solarzuwachs eines einzigen Jahres war größer als der gesamte Rechenzentrumsverbrauch der Welt.
Für Deutschland sieht dieselbe Rechnung anders aus. Rechenzentren hierzulande verbrauchten 2025 rund 21,3 Terawattstunden. Der deutsche Stromverbrauch lag im selben Jahr, nach unserer eigenen Auswertung der Viertelstundendaten, bei 465,8 Terawattstunden.
Macht 4,6 Prozent. Das Dreifache des Weltanteils. Deutschland ist beim Rechnen dichter dran, als der Weltdurchschnitt vermuten lässt.
Die Erneuerbaren haben das Problem größer gemacht als den Verbrauch
Wir haben die vollständigen Viertelstundendaten des Fraunhofer ISE für 2025 gezogen und selbst ausgewertet. Exakt 35.040 Messpunkte, keine Lücke.
Zwei Zahlen daraus, und ihr Verhältnis ist der Kern dieses Reports.
Der Verbrauch schwankt zwischen 33,1 und 76,0 Gigawatt. Eine Spanne von 42,9 Gigawatt zwischen der ruhigsten Nachtstunde und der Spitze. Das ist viel, aber es ist Alltag, und das Netz kann es seit Jahrzehnten.
Die Restlast schwankt zwischen minus 6,7 und plus 68,5 Gigawatt. Eine Spanne von 75,2 Gigawatt.
Restlast ist das, was nach Abzug von Wind, Sonne und den anderen Erneuerbaren noch aus konventionellen Kraftwerken, Speichern oder dem Ausland kommen muss. Sie ist die Aufgabe, die das Netz tatsächlich lösen muss.
Und sie schwankt um drei Viertel mehr als der Verbrauch selbst. Die Erneuerbaren haben die Aufgabe nicht kleiner gemacht, sie haben sie unruhiger gemacht. Wer über Rechenzentren im Netz spricht, spricht über diese Kurve, nicht über eine Jahressumme.
Alle 35.040 Viertelstunden, der Größe nach sortiert. Links die Stunde mit dem höchsten Bedarf an nicht-erneuerbarer Leistung, rechts die niedrigste. Diese Darstellung zeigt nicht wann etwas passiert, sondern wie oft.
| Größe 2025 | Minimum | Maximum | Spanne | Mittel |
|---|---|---|---|---|
| Netzlast | 33,1 GW | 76,0 GW | 42,9 GW | 53,2 GW |
| Restlast | −6,7 GW | 68,5 GW | 75,2 GW | 30,2 GW |
| Solar | 0 GW | 50,4 GW | 50,4 GW | 8,0 GW |
| Wind, an Land und auf See | – | 51,5 GW | – | 15,0 GW |
| Rechenzentren, Anschlussleistung | konstant, keine Spanne | 2,98 GW | ||
Der sonnigste Tag ist der unruhigste, nicht der ruhigste
Aus den 365 Tagen haben wir den mit der höchsten und den mit der niedrigsten Solarernte herausgesucht. Das Ergebnis widerspricht der Intuition, und es erklärt das ganze Problem in einem Bild.
Durchgezogen die Restlast, gepunktet der Gesamtverbrauch. Beide Tage in derselben Skala, damit sie vergleichbar sind.
| Tag | Solarertrag | Verbrauch | Restlast | Tagesspanne der Restlast |
|---|---|---|---|---|
| 20. Juni 2025 | 455 GWh | 38,1 bis 53,1 GW | −1,5 bis 44,7 GW | 46,2 GW |
| 5. Januar 2025 | 9 GWh | 41,5 bis 60,5 GW | 10,9 bis 34,2 GW | 23,3 GW |
Und mittendrin die einzige Linie, die sich nie bewegt
Jetzt beides zusammen. Jeder senkrechte Strich unten ist ein Tag des Jahres 2025 und zeigt, wie weit die Restlast an diesem Tag geschwankt hat: von der niedrigsten bis zur höchsten Viertelstunde.
Im Winter sind die Striche kurz und liegen hoch: viel Bedarf, wenig Bewegung. Im Sommer sind sie lang und reichen bis unter die Nulllinie: die Mittagssonne drückt die Aufgabe auf null, der Abend holt sie zurück.
Das waagerechte Band ist die deutsche Rechenzentrums-Anschlussleistung, 2,98 Gigawatt, im selben Maßstab. Es bewegt sich nicht. Nicht im Sommer, nicht nachts, nicht am Wochenende.
Genau darin liegt die Frage dieses Reports. Ein Band, das sich nie bewegt, ist für ein Netz entweder das Beste oder das Schlechteste, was ihm passieren kann. Beides hängt an einer einzigen Eigenschaft, und die kommt in Abschnitt 07.
Rechenzentren sollen den überschüssigen Ökostrom aufsaugen. Der Überschuss reicht für zehn Tage.
Das Argument hört man überall: Deutschland wirft Ökostrom weg, Rechenzentren könnten ihn nehmen. Wir haben nachgerechnet, wie viel da tatsächlich liegt.
Die Restlast war 2025 in 121 Stunden negativ. Die Energie unterhalb dieser Nulllinie, also der echte bundesweite Überschuss, summiert sich auf 254 Gigawattstunden.
Das sind 0,055 Prozent des Jahresverbrauchs. Ein Rechenzentrum mit einem Gigawatt Dauerleistung wäre davon zehneinhalb Tage lang versorgt. Danach ist der Vorrat des ganzen Jahres aufgebraucht.
Gemessen am tatsächlichen Bedarf der deutschen Rechenzentren von 21.300 Gigawattstunden deckt dieser Überschuss 1,2 Prozent. Als Geschäftsmodell trägt das nicht.
Alle in Gigawattstunden 2025, gleiche Skala. Die Balkenlänge ist der echte Wert, nicht gestaucht.
| Größe | GWh | Was sie bedeutet | Herkunft |
|---|---|---|---|
| Überschuss | 254 | Erneuerbare lieferten mehr als ganz Deutschland verbrauchte. Physisch überzählig. | Eigene Rechnung aus 35.040 Viertelstunden |
| Abregelung PV | 2.704 | Strom war vorhanden und wurde gebraucht, konnte aber nicht transportiert werden. Ein Ortsproblem. | Bundesnetzagentur, Redispatch 2025 |
| Rechenzentren | 21.300 | Tatsächlicher Jahresbedarf. Das 84-fache des Überschusses. | Bitkom und Borderstep 2025 |
577 Stunden, in denen Strom Geld gekostet hat, wenn man ihn erzeugte
Wenn eine These über das Stromnetz stimmt, muss man sie am Preis sehen. Wir haben deshalb auch die Börsenpreise für 2025 gezogen und nach derselben Methode ausgewertet.
Ergebnis: In 577 Stunden war der Day-Ahead-Preis negativ. Wer in diesen Stunden einspeiste, musste dafür zahlen. Das sind 6,6 Prozent des Jahres.
Die veröffentlichte Zahl liegt bei 573 Stunden. Unsere Abweichung von 0,7 Prozent stammt daher, dass Deutschland zum 1. Oktober 2025 von Stunden- auf Viertelstundenkontrakte umgestellt hat und die Punkte deshalb unterschiedlich gewichtet werden müssen. Wir nennen beide Zahlen, statt eine davon zu glätten.
Interessanter als der Mittelwert ist die Spanne. Der niedrigste Preis des Jahres lag bei minus 250 Euro je Megawattstunde, der höchste bei plus 583. Zwischen dem billigsten und dem teuersten Moment des Jahres liegen 834 Euro.
Für ein Rechenzentrum, das rund um die Uhr dieselbe Leistung zieht, ist diese Spanne eine reine Kostenfrage: es kauft zwangsläufig den Durchschnitt. Für eines, das seine Last verschieben könnte, ist dieselbe Spanne das Geschäftsmodell.
Der Unterschied zwischen beiden ist keine Frage der Technik im Serverraum, sondern der Art der Arbeit, die dort läuft.
Day-Ahead, Gebotszone Deutschland und Luxemburg. Tagesmittel geglättet, die Extreme einzelner Viertelstunden liegen weit darüber und darunter.
| Kennzahl 2025 | Wert | Quelle |
|---|---|---|
| Mittlerer Preis | 90,47 €/MWh | eigene Rechnung |
| Niedrigster Wert | −250,32 €/MWh | eigene Rechnung |
| Höchster Wert | 583,40 €/MWh | eigene Rechnung |
| Spanne über das Jahr | 833,72 €/MWh | eigene Rechnung |
| Stunden mit negativem Preis | 577 h | eigene Rechnung, veröffentlicht 573 |
| Vorjahresvergleich | 457 h (2024) | Marktberichte |
Training kann warten. Eine Antwort nicht.
Ob ein Rechenzentrum dem Netz hilft oder schadet, hängt an einer einzigen Frage: Darf die Arbeit später stattfinden?
Ein Modell zu trainieren ist Stapelarbeit. Es läuft Wochen, niemand wartet auf ein Zwischenergebnis, und es ist gleichgültig, ob eine bestimmte Stunde heute Nacht oder morgen früh gerechnet wird. Solche Last lässt sich verschieben, und verschiebbare Last ist für ein Netz mit schwankender Erzeugung wertvoller als jedes Kraftwerk.
Eine Anfrage zu beantworten ist das Gegenteil. Da wartet ein Mensch. Verzögerung ist hier kein technisches Detail, sondern der Unterschied zwischen einem brauchbaren und einem unbrauchbaren Produkt.
Und genau dieser zweite Teil wächst. Solange KI vor allem trainiert wurde, war ein großer Teil der Last verschiebbar. Je mehr KI tatsächlich benutzt wird, desto kleiner wird der verschiebbare Anteil. Der Ausbau macht die Last also nicht nur größer, sondern auch starrer.
Vier Sätze, damit das Bild stimmt
Erstens: 4,6 Prozent sind kein Notstand. Die deutsche Industrie verbraucht ein Vielfaches. Wer Rechenzentren als Hauptursache für Netzprobleme darstellt, hat die Größenordnungen nicht angesehen.
Zweitens: die Form ist trotzdem das Thema. Eine konstante Last von 3 Gigawatt in einem System, dessen Aufgabe zwischen minus 7 und plus 68 Gigawatt schwankt, ist etwas anderes als 3 Gigawatt Industrie mit Schichtbetrieb und Werksferien.
Drittens: unsere Zahlen sind Deutschland 2025. Ein Netz mit anderem Erzeugungsmix hat andere Kurven. Frankreich mit Kernkraft, Norwegen mit Wasser oder Texas mit Wind sehen völlig anders aus. Übertragbar ist die Methode, nicht das Ergebnis.
Viertens: die Abregelung ist kein Argument für Rechenzentren. Sie ist ein Argument für Leitungen. Ein Rechenzentrum am richtigen Netzpunkt kann abgeregelte Energie tatsächlich aufnehmen. Am falschen Netzpunkt, und 37 Prozent der deutschen Kapazität hängen an einem einzigen davon, verschärft es genau die Engpässe, die zur Abregelung führen.
Wenn du Rechenlast einkaufst
Frag den Anbieter nicht nach dem Ökostromanteil auf dem Papier, sondern nach dem Netzpunkt und danach, ob er Last verschieben kann. Das erste ist Buchhaltung, das zweite ist Physik.
Wenn du selbst rechnest
Trainings- und Batchläufe nachts oder mittags zu legen, kostet nichts und trifft genau die Stunden mit den niedrigsten Preisen. Bei 834 Euro Spanne über das Jahr ist das keine Symbolik.
Wenn du über die Zahlen redest
Trenne Überschuss von Abregelung. Der Überschuss war 254 Gigawattstunden, die Abregelung elfmal so viel. Wer beides in einen Topf wirft, kommt zwangsläufig zur falschen Lösung.
Die Zahl, die zählt
Nicht der Jahresverbrauch, sondern die Anschlussleistung. 21,3 Terawattstunden klingt nach Menge, 2,98 Gigawatt beschreiben das, was das Netz jede Sekunde bereitstellen muss.
Alles, worauf dieser Report steht
Sieben Quellen und eine eigene Auswertung. Die Rohdaten sind öffentlich, jeder kann die Rechnung nachvollziehen. Genau deshalb steht unten, welcher Abruf welchen Zeitraum liefert.
- Fraunhofer ISE, Energy-Charts: öffentliche SchnittstelleDie Grundlage von Abb. 01 bis 03 und der meisten Zahlen dieses Reports. Wir haben das Kalenderjahr 2025 in vier Quartalsabrufen gezogen, insgesamt 35.040 Viertelstunden ohne Lücke, und Last, Restlast, Solar und Wind selbst summiert. Die Schnittstelle ist frei, ohne Schlüssel und ausdrücklich für solche Auswertungen gedacht.api.energy-charts.info/public_power?country=de&start=2025-01-01&end=2025-04-01
- Fraunhofer ISE, Energy-Charts: BörsenpreiseGrundlage von Abb. 05 und der 577 negativen Stunden. Gebotszone DE-LU, ganzes Jahr 2025. Enthält den Wechsel von Stunden- auf Viertelstundenkontrakte zum 1. Oktober 2025, der beim Zählen berücksichtigt werden muss.api.energy-charts.info/price?bzn=DE-LU&start=2025-01-01&end=2026-01-01
- Bitkom und Borderstep Institut: Rechenzentren in Deutschland, Update 202521,3 Terawattstunden Verbrauch 2025 gegenüber 20,0 im Vorjahr, 2.980 Megawatt Anschlussleistung mit plus 250 gegenüber 2024, die Erwartung von 5 Gigawatt bis 2030, und der KI-Anteil von 530 auf 2.020 Megawatt.bitkom.org/sites/main/files/2025-11/bitkom-studie-rechenzentren-in-deutschland-2025.pdf
- Borderstep Institut: Marktentwicklungen, November 2025Die regionale Verteilung, auf der Abschnitt 08 steht: gut 1.100 Megawatt im Großraum Frankfurt, über 37 Prozent der nationalen Kapazität an einem Punkt, dahinter Bayern mit 420 und Nordrhein-Westfalen mit 378.borderstep.de/2025/11/12/rechenzentren-in-deutschland-aktuelle-marktentwicklungen-update-2025/
- Bundesnetzagentur: Netzengpassmanagement und Redispatch 2025Rund 30 Terawattstunden Gesamtvolumen, davon 2.704 Gigawattstunden abgeregelte Photovoltaik mit einer Verdopplung gegenüber 2024. Dazu die Verschiebung der Engpässe ins Verteilnetz, die erklärt, warum Abregelung ein Orts- und kein Mengenproblem ist.bundesnetzagentur.de/DE/Fachthemen/ElektrizitaetundGas/Versorgungssicherheit/Netzengpassmanagement/Engpassmanagement/Redispatch/start.html
- Agarwal u.a.: To Defer or To Shift? Flexibilität von KI-RechenzentrenDie Zahlen aus Abschnitt 07: 3 bis 21 Prozent geringere Netzkosten bei verschiebbarer KI-Last, Sättigung des Effekts bei 20 bis 30 Prozent Verschiebbarkeit, und die Feststellung, dass der verschiebbare Anteil mit wachsender Nutzung schrumpft.arxiv.org/abs/2604.05376
- MCG Research: Energie 01, Die Energiebilanz der MenschheitDer Rahmen, den dieser Report ausfüllt. 19 Terawatt Dauerleistung der Menschheit, 86,3 Prozent davon fossil, Rechenzentren bei 1,53 Prozent des Weltstroms. Dort stehen auch die Weltquellen: Energy Institute, Ember, IEA und das Potsdam-Institut.mcgrinsey.com/magazin/19-terawatt-energiebilanz-der-menschheit/
Eigene Auswertung McGrinsey: Alle Werte zu Last, Restlast, Solar, Wind, Überschuss, Tagesspannen und Preisen sind aus den Rohdaten der Energy-Charts selbst berechnet, nicht übernommen. Energiesummen aus Leistung mal 0,25 Stunden je Messpunkt. Der Überschuss ist die Fläche unterhalb der Nulllinie der Restlast. Die Preisstunden sind nach Kontraktlänge gewichtet, weil Deutschland zum 1. Oktober 2025 auf Viertelstunden umgestellt hat. Wo unsere Rechnung von einer veröffentlichten Zahl abweicht, stehen beide im Text. Die Restlast ist eine bilanzielle Größe für ganz Deutschland und sagt nichts darüber, ob der Strom auch dort ankommt, wo er gebraucht wird. Genau das ist der Unterschied zwischen Abschnitt 05 und der Abregelung.
Energie 01 endete mit dem Versprechen, genau diese Engführung zu machen: Weltzahlen als Rahmen, ein Netzgebiet im Viertelstundentakt als Beweis, und die Frage, was ein Rechenzentrum darin tatsächlich anrichtet. Die Antwort lautet: als Menge wenig, als Form viel, und als Ortsentscheidung sehr viel.
Energie 03 nimmt sich die Gegenrichtung vor. Wenn verschiebbare Last so wertvoll ist, warum wird sie kaum gehandelt? Was zahlt ein Netzbetreiber heute tatsächlich für eine abschaltbare Last, und warum reicht das nicht?
Verwandt: Daten 02 zur Frage, was passiert, wenn ein Messinstrument die Welt nicht mehr sehen kann, die es vermessen soll.


